Als Kind der 90er und 2000er Jahre war mein Leben stark vom Computer und Internet geprägt. Die Faszination war groß, denn wir waren die erste Generation, die mit MSN Messenger, Sims, LiveJournal, Flickr, Myspace und Co. aufwuchs. Ich konnte Stunden – um ehrlich zu sein wohl eher Tage – damit verbringen, im Internet zu scrollen und mich in verträumten Bildern auf Tumblr zu verlieren. Diese wurden akribisch abgespeichert – Pinterest gab es damals noch nicht – um sie dann ein paar Monate später wieder zu vergessen. Datenüberfluss deluxe – zu einer Zeit, als das noch verdammt teuer war (sorry, Mama). Man könnte das Ganze als Zeitverschwendung bezeichnen, was es sicher auch war, gleichzeitig war es aber auch eine Sammlung an Träumen, Hoffnungen und Zielen für mein zukünftiges Leben. So hat mir das Internet beispielsweise die Vielfalt von Illustrationen gezeigt, und damit den Grundstein für mein heutiges Leben gelegt.
Doch das Internet hat sich seither stark verändert. Als neuester Zuwachs kam Künstliche Intelligenz hinzu und ergriff sogleich die Oberhand. Das Internet, wie mein kleines Ich es kannte, ist nun offiziell Vergangenheit. Damit geht auch ein Gefühl von Verlust einher, denn seit spätestens diesem Jahr ist es kaum mehr möglich, KI von Realität zu unterscheiden.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, jedes Posting, jedes Bild und jedes Video im Internet zu hinterfragen. Wer fiel damals nicht auf die trampolinspringenden Häschen herein oder unlängst auf die Hochzeitsfotos von Zendaya und Tom Holland. Wo damals eine Faszination über das Können anderer Menschen stattgefunden hat – sei es ein Foto, ein Artikel, eine Illustration, ein Bauwerk – bleibt nun nur pures Mistrauen. Zuletzt überraschte mich dieses Video.
Zuerst das Staunen über die unendliche Schönheit der Natur, gefolgt von einer seltsam nostalgischen Traurigkeit und ja, auch einem Genervtsein, dass das alles nicht echt sein könnte. (Spoiler Alert: Dieses Video ist aus 2023 und real.)
Natürlich ist die Erstellung von Fake-Content schon lange vor KI ein Thema. Bilder und Videos können manipuliert und bearbeitet werden, Texte mit Misinformationen können verfasst und verbreitet werden. Und um ehrlich zu sein: Auch wenn die KI gekommen ist, um zu bleiben, habe ich die visuellen Aspekte oft bereits satt. Denn mal ehrlich, wie viele KI-Videos im Wes-Anderson-Stil können wir noch sehen? Noch nie war es so leicht wie heute, ein gefälschtes Narrativ zu erstellen und zu verbreiten. Selten bleibt dieser Fake-Content dabei harmlos, wie der Fall zwischen Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen zeigt. Dieser soll jahrelang Fake-Profile erstellt und Deepfake-Pornos von ihr verbreitet haben. Was heutzutage nur wenige Klicks und wenig Können bedarf, hätte früher noch jemand benötigt, der all das tatsächlich umsetzt.
Diese Müdigkeit gegenüber KI betrifft nicht nur mich. KI hat sich in unsere Postings, Schulaufsätze, E-Mails und unser aller tägliches Leben eingeschlichen und somit natürlich auch in die Werbung. Der wohl bekannteste Fall in Österreich, der auf großen Unmut stieß, war der KI-Spot von XXXLutz. Selbst Der Standard schrieb dazu einen Artikel mit der passenden Überschrift: „Wenn sogar die Familie Putz der KI weichen muss“. Generell sieht man in der klassischen Werbung immer häufiger KI-generierte Motive. Versteht mich nicht falsch: Wir lieben KI, besonders im Pitch-Prozess oder zur Visualisierung unserer ersten Ansätze. Denn bis jetzt war es nicht möglich, komplexe Ideen so früh so detailliert darzustellen. Ob man KI jedoch für finale Kampagnen-Sujets anwenden will, muss wohl jeder selbst entscheiden.
Spannend zu beobachten ist, dass sich parallel zur rasanten Entwicklung der künstlichen Intelligenz und zu unserem immer schnelleren Leben auch eine Gegenbewegung hin zum Menschlichen, Langsamen und Selbstgemachten bildet.
Ein Beispiel dafür ist der erste Werbespot von OpenAI selbst, der auf 35-mm-Film gedreht wurde. Oder das Apple-TV-Intro, das tatsächlich im Studio gebaut und gefilmt wurde. Wir Menschen sind von Natur aus nostalgisch veranlagt und versuchen, zur Schnelllebigkeit auch wieder einen Ruhepol zu finden. Ich glaube jedoch, dass die Entwicklung der letzten Jahre hin zur Entschleunigung vor allem ein Zeichen dafür ist, dass wir unser Können nicht verlieren wollen. Einen Prompt zu schreiben ist nicht dasselbe, wie einen Text selbst zu verfassen, etwas zu zeichnen oder mit einer Kamera Fotos zu schießen. Welchen Wert hat etwas, wenn keine Arbeit oder kein Können mehr dahinterstecken?
Falls ihr euch nun eine Lösung und eine spannende Schlussfolgerung zu diesem Beitrag wünscht, muss ich euch leider enttäuschen. Auch ich bewege mich zwischen all den Doom-and-Gloom-Nachrichten in Bezug auf KI. Aber eines steht für mich auf jeden Fall fest: Nutzt Künstliche Intelligenz, wenn ihr das wollt. Lasst euch dabei helfen, einen Schwall an Informationen zu ordnen oder erstellt die lustige Geburtstagskarte, auf der ihr eurem Hund ein Outfit anzieht, ohne ihn quälen zu müssen. Lasst die KI euch dabei helfen, ein Motorrad zusammenzubauen (ehrlich gesagt würden wir das nicht empfehlen und wir treten hiermit von jeglicher Verantwortung zurück – aber jemand aus unserer Agentur hat das bereits erfolgreich gemacht!).
Verlernt aber gleichzeitig nicht:
- Kritisch und selbstständig zu denken. Keinen eurer Freunde interessiert, was ChatGPTs Meinung zu einem Thema ist!
- Artikel zu lesen, die recherchiert und professionell aufgearbeitet wurden. Gemini nach dem besten „XYZ” zu fragen, ist keine Recherche.
- Und zu guter Letzt: Probiert auch selbst Dinge aus und scheitert hin und wieder.
Denn letztendlich mögen wir Menschen eines: das Menschliche.
